Wie die Briten zu ihren Qualitätsserien kamen (2)

Teil 2: Der englische Sonderweg - die Briten und ihre TV-Sender


Wie die Briten zu ihren Qualitätsserien kamen (2)
„Misfits“: jüngste Qualitätsserie aus dem Programm des öffentlich-kommerziellen Mischsenders C4
(c) 2009 Channel 4
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Ende der 50er Jahre konnte ITV der BBC vor allem mit billigen Talk- und Spielshow-Formaten sowie US-Einkäufen massiv Zuschauer abjagen. Daraufhin schritt Anfang der 60er Jahre noch einmal der Gesetzgeber ein und weitete die Befugnisse der Kontrollbehörde ITA erheblich aus - mit dem Ziel, den public service Gedanken des Senders zu stärken. Wenig verwunderlich fing ITV genau zu dieser Zeit damit an, unter anderem die gefeierte Theaterserie „Armchair Theatre“ sowie die sozialrealistisch gehaltene Soap Opera „Coronation Street“ auszustrahlen. Beides Formate, die Popularität und Anspruch miteinander verbinden sollten.

Damit setzte in den 60er Jahren eine geradezu paradoxe Entwicklung ein: Während ITV unter dem Druck der Aufsichtsbehörde ITA der BBC ähnlicher wurde, was sich insbesondere in ihrem Bemühen um qualitativ hochstehende Dramaserien widerspiegelte (genau in jene Zeit fällt beispielsweise „The Prisoner“!), musste die BBC etwas populärer und damit ITV ähnlicher werden, um Zuschauer zurück zu gewinnen. Letztlich standen beide Sender damit gleichermaßen unter dem Druck, einerseits im Wettbewerb miteinander bestehen zu müssen, aber andererseits auch den public service Vorgaben aus der Politik gerecht zu werden.

Resultat dieser Entwicklung war ein Duopol beider Sender, die zwar in einem Wettbewerb um die Gunst der Zuschauer miteinander standen, sich dabei aber gleichzeitig aus völlig unterschiedlichen Quellen finanzierten: Die BBC hatte das Monopol auf die Rundfunkgebühren. ITV hatte das Monopol auf TV-Werbung. Daraus folgte für beide eine Politik des „leben und leben lassen“. Man konkurrierte zwar um die Zuschauer, aber solange sich beide den Kuchen etwa zur Hälfte teilten, ließ jeder dem anderen genug Freiraum, um auch künstlerische Experimente wagen zu können.

Channel 4 - Melting Pot der TV-Systeme

Das reichte der britischen Medienpolitik aber noch nicht. Nach Meinung der englischen Politiker hatten es sich BBC und ITV mit ihrem Duopol bis Ende der 70er Jahre viel zu gemütlich gemacht. Wo blieb das wirklich gewagte Fernsehen, welches sich auch nicht davor scheut, für Minderheiten zu senden? Diese Aufgabe wurde einem neuen Sender zugewiesen, der 1982 erstmals auf Sendung ging: Channel 4.

Die britische Rundfunkgeschichte hatte bis zu diesem Zeitpunkt schon einige Kuriositäten hervorgebracht: Ein öffentlich-rechtlicher Sender, der zuerst ein Privatsender war (BBC). Ein Privatsender, an dem alles bis auf die Werbeeinnahmen öffentlich-rechtlich war (ITV). Channel 4 setzte diese stolze Tradition von Mischformen fort und wurde zu einem Sender, der sich komplett in öffentlichem Besitz befindet, aber gleichzeitig vollständig aus Werbung finanziert, die jedoch nicht mehr als die Kosten des Senders decken muss.

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Christian Junklewitz am Montag, 8.Februar 2010 12.00 Uhr

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3 Leserkommentare

hellfeyer vor 3 Jahren:

schon der start war gut, hier nun die gelungene fortsetzung. es ist fast unmöglich, die britischen zustände zu rekapitulieren, ohne die deutschen im hinterkopf zu haben - fast scheint es, als sei der artikel auch in diesem sinne geschrieben...

whatever: für mich bleibt vor allem der eindruck, dass neben dem rein marktgesteuerten prozess eine institution, die vom kopf herab von einer starken vision (aka verantwortungsgefühl) getragen wird, ebensoviel qualität produzieren kann wie eine werbefinanzierte umgebung, wenn nicht mehr. es wäre in diesem kontext auch die bestätigung eines gängigen urteils: filme- und tv-machen ist keine demokratie - ohne einen visionär, der entweder idee oder geld mitbringt, ist etwas visionäres nicht zu bekommen. viele köche verderben nun mal den brei, stoffe werden zerredet, abgeschliffen, auf konvention getrimmt. übrig bleibt dann per se eine schlechte kopie.

bleibt der bildungs-etc.-auftrag der öffentlich-rechtlichen. wenn der ernster genommen würde, wir hätten besseres tv.

bin gespannt auf den dritten, "autoren"-teil. kommen wir langsam zum pudels kern!

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Serenity vor 3 Jahren:Platz 68 in der Community Top-100

Es ist auch einfach kulturell ein riesiger Unterschied. In Deutschland gibt es in sämtlichen Kunstbereichen eine idiotische Trennung zwischen Unterhaltung und ernster, btw. "echter" Kunst (E-...). Sei es Literatur, Film, Fernsehen, Musik oder Theater. Das ist der Grund weshalb es hier keine richtigen, institutionelle Rezensionen der Popkultur gibt und zieht sich bis in praktisch alle Schichten hinein.

Gerade der ÖR Rundfunk ist hiervon geprägt. In GB wollte man dagegen einfach gute Unterhaltung produzieren und durfte das auch.

Machen TV-Verantwortlichen hier und vor allem den Autoren ist inzwischen gedämmert, dass Unterhaltung und Anspruch oder Intelligenz kein Widerspruch sein müssen, aber die Produktionen, die das wirklich umsetzen sind verdammt selten.

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wibi44 vor 3 Jahren:Platz 6 in der Community Top-100

Wir vergessen immer zwei Dinge, die für mich entscheidend für die Struktur des brittischen Fernsehens und Rundfunks sind. Zum einen, die stolze Eigensinnigkeit der einstmals größten Weltmacht, die es auf unserer Erde gab und zum anderen, dass die Briten auf einer Insel leben.

Ich weiss, das hört sich vielleicht ein wenig komisch an, aber das Fehlen eines ständigen Bezugspunktes zu europäischen Nachbarn und der langen Ost-West-Spaltung Europas führt zu einer wohltuenden Isolation.

Darüber hinaus war die BBC schnell weltweit tätig und damit bemüht, den brittischen Lebensstil überall hinzubringen. Auch ITV wurde recht früh im Vergleich zu kommerziellen Sendern in Europa gegründet. Und es konnte sich sozusagen voll auf kommerzielle Sendungen konzentrieren. Trotzdem blieb auch bei ITV der Gedanke des Qualitätsfernsehens erhalten - man vergleiche damit nur mal die recht kurze Lebenszeit von ProSiebenSAT.1-Media und dem vielen Schrott, die diese Sendergruppe produziert.

Somit blickt Großbrittannien auf eine duale Sendertradition von mehr als 50 Jahren zurück. Dass sich unter den gegebenen Voraussetzungen Channel 4 gut mit sogenannten "Sonderprogrammen" etablieren konnte, war eigentlich kein Wunder.

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