Wie die Briten zu ihren Qualitätsserien kamen (2)

Teil 2: Der englische Sonderweg - die Briten und ihre TV-Sender


Wie die Briten zu ihren Qualitätsserien kamen (2)
„Misfits“: jüngste Qualitätsserie aus dem Programm des öffentlich-kommerziellen Mischsenders C4
(c) 2009 Channel 4
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Wettbewerb - oder so ähnlich...

Das heisst nicht, dass nicht auch der Gedanke des Wettbewerbs bei der gesetzlichen Rahmensetzung in Großbritannien eine gewichtige Rolle gespielt hätte: Wie beispielsweise bei der Gründung von ITV. Bis Anfang der 50er Jahre hatte die BBC sowohl im Radio als auch im Fernsehen das unumschränkte Monopol. Schließlich wurden jedoch in der Politik Stimmen laut, die im Fernsehen Wettbewerb und vor allem eine Auswahlmöglichkeit für das Publikum forderten. Die BBC stand in dieser Zeit im Ruf, sehr paternalistisch und damit bevormundend aufzutreten, wodurch die Forderung nach einem weiteren, von der BBC unabhängigen Sender als eine Forderung nach mehr Demokratie begriffen wurde.

Die Krönung von Elizabeth II.

Umgekehrt stand man aber auch dem Gedanken eines durch und durch kommerziellen Programms reserviert gegenüber. Dabei hatte man vor allem das Fernsehen in den USA als abschreckendes Beispiel vor Augen. Als 1953 Berichte publik wurden, dass die Ausstrahlung der Krönungszeremonie von Queen Elizabeth II. im amerikanischen Fernsehen durch Werbespots (unter anderem für Deodorant und Matratzen) unterbrochen worden war, führte das zu empörten Reaktionen in der britischen Öffentlichkeit. Einerseits stand die Forderung nach einem anderen, einem kommerziellen Fernsehen im Raum - mit dem Warmlaufen der britischen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg waren es nicht zuletzt viele Unternehmen, die nach neuen Werbemöglichkeiten suchten. Andererseits durfte das kommerzielle Fernsehen auf keinen Fall dem amerikanischen Vorbild folgen.

1954 verabschiedete das britische Unterhaus schließlich ein neues Fernsehgesetz, welches einen Kompromiss zwischen Gegnern und Befürwortern des kommerziellen Fernsehens darstellte: Privatfernsehen sollte erlaubt werden, aber unter Bedingungen, wie es sie sonst wohl nirgendwo auf der Welt gab.

Als oberste Instanz des neuen Privatfernsehens setzte die britische Regierung die Independent Television Authority (ITA) ein, die den Auftrag hatte, dafür zu sorgen, dass das neue Programm informiert, bildet und unterhält. Wem dieser Satz bekannt vorkommt: Genau das ist in Deutschland der Programmauftrag der Öffentlich-Rechtlichen! Ferner oblag es der ITA die Lizenzen für das Privatfernsehen zu vergeben. Lizenzen, also Plural, weil ITV nicht von einem einzelnen, landesweiten Sender, sondern als Gemeinschaftsprogramm von vielen Regionalsendern betrieben werden sollte. Hintergrund dafür war, dass man die BBC als zu sehr London zentriert ansah - und das neue Programm eine stärkere Verankerung in den einzelnen Regionen haben sollte. Also wiederum ein typisch öffentlich-rechtlicher Gedanke.

1955 ging ITV zum ersten Mal auf Sendung, ab 1962 konnte das Programm flächendeckend empfangen werden. Aufgeteilt war das Sendegebiet in 14 Regionen, in denen jeweils ein anderer Betreiber tätig war (gegenseitige Aufkäufe waren untersagt). In London wurde die Lizenz sogar geteilt: Hier sendete ein Betreiber an den Werktagen, der andere (mit dem bezeichnenden Namen London Weekend Television, LWT) am Wochenende. Im Grunde war ITV damit eine werbefinanzierte Variante der deutschen ARD. Allenfalls noch ein bißchen komplizierter.

Nach offizieller Diktion ist ITV - auch heute noch ! - ein public service broadcaster, der sich zwar über Werbung finanziert, aber in der Pflicht und Verantwortung steht, im öffentlichen Interesse zu agieren (das heisst zum Beispiel, ein vielfältiges Programmangebot zusammenzustellen).

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Christian Junklewitz am Montag, 8.Februar 2010 12.00 Uhr

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3 Leserkommentare

hellfeyer vor 3 Jahren:

schon der start war gut, hier nun die gelungene fortsetzung. es ist fast unmöglich, die britischen zustände zu rekapitulieren, ohne die deutschen im hinterkopf zu haben - fast scheint es, als sei der artikel auch in diesem sinne geschrieben...

whatever: für mich bleibt vor allem der eindruck, dass neben dem rein marktgesteuerten prozess eine institution, die vom kopf herab von einer starken vision (aka verantwortungsgefühl) getragen wird, ebensoviel qualität produzieren kann wie eine werbefinanzierte umgebung, wenn nicht mehr. es wäre in diesem kontext auch die bestätigung eines gängigen urteils: filme- und tv-machen ist keine demokratie - ohne einen visionär, der entweder idee oder geld mitbringt, ist etwas visionäres nicht zu bekommen. viele köche verderben nun mal den brei, stoffe werden zerredet, abgeschliffen, auf konvention getrimmt. übrig bleibt dann per se eine schlechte kopie.

bleibt der bildungs-etc.-auftrag der öffentlich-rechtlichen. wenn der ernster genommen würde, wir hätten besseres tv.

bin gespannt auf den dritten, "autoren"-teil. kommen wir langsam zum pudels kern!

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Serenity vor 3 Jahren:Platz 68 in der Community Top-100

Es ist auch einfach kulturell ein riesiger Unterschied. In Deutschland gibt es in sämtlichen Kunstbereichen eine idiotische Trennung zwischen Unterhaltung und ernster, btw. "echter" Kunst (E-...). Sei es Literatur, Film, Fernsehen, Musik oder Theater. Das ist der Grund weshalb es hier keine richtigen, institutionelle Rezensionen der Popkultur gibt und zieht sich bis in praktisch alle Schichten hinein.

Gerade der ÖR Rundfunk ist hiervon geprägt. In GB wollte man dagegen einfach gute Unterhaltung produzieren und durfte das auch.

Machen TV-Verantwortlichen hier und vor allem den Autoren ist inzwischen gedämmert, dass Unterhaltung und Anspruch oder Intelligenz kein Widerspruch sein müssen, aber die Produktionen, die das wirklich umsetzen sind verdammt selten.

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wibi44 vor 3 Jahren:Platz 6 in der Community Top-100

Wir vergessen immer zwei Dinge, die für mich entscheidend für die Struktur des brittischen Fernsehens und Rundfunks sind. Zum einen, die stolze Eigensinnigkeit der einstmals größten Weltmacht, die es auf unserer Erde gab und zum anderen, dass die Briten auf einer Insel leben.

Ich weiss, das hört sich vielleicht ein wenig komisch an, aber das Fehlen eines ständigen Bezugspunktes zu europäischen Nachbarn und der langen Ost-West-Spaltung Europas führt zu einer wohltuenden Isolation.

Darüber hinaus war die BBC schnell weltweit tätig und damit bemüht, den brittischen Lebensstil überall hinzubringen. Auch ITV wurde recht früh im Vergleich zu kommerziellen Sendern in Europa gegründet. Und es konnte sich sozusagen voll auf kommerzielle Sendungen konzentrieren. Trotzdem blieb auch bei ITV der Gedanke des Qualitätsfernsehens erhalten - man vergleiche damit nur mal die recht kurze Lebenszeit von ProSiebenSAT.1-Media und dem vielen Schrott, die diese Sendergruppe produziert.

Somit blickt Großbrittannien auf eine duale Sendertradition von mehr als 50 Jahren zurück. Dass sich unter den gegebenen Voraussetzungen Channel 4 gut mit sogenannten "Sonderprogrammen" etablieren konnte, war eigentlich kein Wunder.

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