Wie die Briten zu ihren Qualitätsserien kamen (2)

Teil 2: Der englische Sonderweg - die Briten und ihre TV-Sender


Wie die Briten zu ihren Qualitätsserien kamen (2)
„Misfits“: jüngste Qualitätsserie aus dem Programm des öffentlich-kommerziellen Mischsenders C4
(c) 2009 Channel 4
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Gesagt, getan. Finanziert werden sollte die BBC über Aktienerlöse, einen Anteil am Geräteverkaufspreis und eine Rundfunkgebühr, die je Gerät vom Post Office (!) eingezogen werden sollte. Eine staatliche Behörde, die für ein privates Unternehmen den Geldeintreiber spielt! Wer das schon merkwürdig findet - keine Bange: Es kommt gleich noch seltsamer.

Als privatwirtschaftlich organisierter Sender hätte die BBC ja eigentlich auch Werbung senden können. Das tat sie aber nicht, was nicht zuletzt am ersten General Manager des Senders lag: John Reith war ein zutiefst von religiösen und moralischen Grundsätzen geprägter Mann, für den der Rundfunk eine nationale Ressource war; viel zu wichtig, um ihn irgendwelchen kommerziellen Interessen zu überlassen.

 Mann mit Prinzipien: BBC-Chef John Reith 1922
Mann mit Prinzipien: BBC-Chef John Reith 1922
© BBC

Reith war es, der Mitte der 20er Jahre wahrscheinlich als erster die Prinzipien formulierte, die für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Europa maßgeblich werden sollten: Demnach sollte die BBC ein Programm für jeden Bürger herstellen, dabei den höchsten Standards gerecht werden und die größtmögliche institutionelle wie redaktionelle Unabhängigkeit besitzen: Weder der Staat noch die Wirtschaft sollten in der Lage sein, auf das Programm Einfluss zu nehmen. Entsprechend durfte der Sender nicht durch Werbung finanziert werden. Außerdem sah es Reith als unabdingbar an, dass die BBC ein Monopol haben müsse, weil jede Art von Wettbewerb automatisch dazu führen würde, dass Abstriche bei der Qualität gemacht werden müssten.

Da die BBC unter diesen Bedingungen natürlich kaum Profite abwarf, verloren die Eigentümer des Senders schon sehr bald das Interesse an dem Unternehmen und konzentrierten sich wieder ganz auf die Geräteproduktion. 1927 wurde die BBC in eine Institution des public service umgewandelt - und erhielt auch einen neuen Namen (bei gleichbleibendem Akronym): British Broadcasting Corporation. Rechtsgrundlage für die BBC war fortan eine königliche Charta, in der jeweils für einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren die Aufgaben und Ziele der öffentlich-rechtlichen Einrichtung festgelegt wurden. Neben Information, Bildung und Erziehung gehört hierzu auch explizit die „Förderung von Kreativätät und kulturellen Spitzenleistungen“.

Was die Gründungsgeschichte der BBC für unseren Zusammenhang so interessant macht, ist die Gemengelage von staatlichen und kommerziellen Kräften, die dabei zusammenkamen, jedoch am Ende von einer ethisch motivierten Konzeption von Rundfunk überformt wurde. Bis zu einem gewissen Grad ist dies geradezu prototypisch für den Gang der britischen Rundfunk- und Fernsehgeschichte. Obwohl Großbritannien als Wiege des Kapitalismus alten Zuschnitts gilt, hat man sich doch bei der Etablierung der Einrichtungen von Radio und Fernsehen eines Modells bedient, das mit dem freien Markt nur sehr wenig zu tun hat.

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Christian Junklewitz am Montag, 8.Februar 2010 12.00 Uhr

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3 Leserkommentare

hellfeyer vor 3 Jahren:

schon der start war gut, hier nun die gelungene fortsetzung. es ist fast unmöglich, die britischen zustände zu rekapitulieren, ohne die deutschen im hinterkopf zu haben - fast scheint es, als sei der artikel auch in diesem sinne geschrieben...

whatever: für mich bleibt vor allem der eindruck, dass neben dem rein marktgesteuerten prozess eine institution, die vom kopf herab von einer starken vision (aka verantwortungsgefühl) getragen wird, ebensoviel qualität produzieren kann wie eine werbefinanzierte umgebung, wenn nicht mehr. es wäre in diesem kontext auch die bestätigung eines gängigen urteils: filme- und tv-machen ist keine demokratie - ohne einen visionär, der entweder idee oder geld mitbringt, ist etwas visionäres nicht zu bekommen. viele köche verderben nun mal den brei, stoffe werden zerredet, abgeschliffen, auf konvention getrimmt. übrig bleibt dann per se eine schlechte kopie.

bleibt der bildungs-etc.-auftrag der öffentlich-rechtlichen. wenn der ernster genommen würde, wir hätten besseres tv.

bin gespannt auf den dritten, "autoren"-teil. kommen wir langsam zum pudels kern!

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Serenity vor 3 Jahren:Platz 68 in der Community Top-100

Es ist auch einfach kulturell ein riesiger Unterschied. In Deutschland gibt es in sämtlichen Kunstbereichen eine idiotische Trennung zwischen Unterhaltung und ernster, btw. "echter" Kunst (E-...). Sei es Literatur, Film, Fernsehen, Musik oder Theater. Das ist der Grund weshalb es hier keine richtigen, institutionelle Rezensionen der Popkultur gibt und zieht sich bis in praktisch alle Schichten hinein.

Gerade der ÖR Rundfunk ist hiervon geprägt. In GB wollte man dagegen einfach gute Unterhaltung produzieren und durfte das auch.

Machen TV-Verantwortlichen hier und vor allem den Autoren ist inzwischen gedämmert, dass Unterhaltung und Anspruch oder Intelligenz kein Widerspruch sein müssen, aber die Produktionen, die das wirklich umsetzen sind verdammt selten.

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wibi44 vor 3 Jahren:Platz 6 in der Community Top-100

Wir vergessen immer zwei Dinge, die für mich entscheidend für die Struktur des brittischen Fernsehens und Rundfunks sind. Zum einen, die stolze Eigensinnigkeit der einstmals größten Weltmacht, die es auf unserer Erde gab und zum anderen, dass die Briten auf einer Insel leben.

Ich weiss, das hört sich vielleicht ein wenig komisch an, aber das Fehlen eines ständigen Bezugspunktes zu europäischen Nachbarn und der langen Ost-West-Spaltung Europas führt zu einer wohltuenden Isolation.

Darüber hinaus war die BBC schnell weltweit tätig und damit bemüht, den brittischen Lebensstil überall hinzubringen. Auch ITV wurde recht früh im Vergleich zu kommerziellen Sendern in Europa gegründet. Und es konnte sich sozusagen voll auf kommerzielle Sendungen konzentrieren. Trotzdem blieb auch bei ITV der Gedanke des Qualitätsfernsehens erhalten - man vergleiche damit nur mal die recht kurze Lebenszeit von ProSiebenSAT.1-Media und dem vielen Schrott, die diese Sendergruppe produziert.

Somit blickt Großbrittannien auf eine duale Sendertradition von mehr als 50 Jahren zurück. Dass sich unter den gegebenen Voraussetzungen Channel 4 gut mit sogenannten "Sonderprogrammen" etablieren konnte, war eigentlich kein Wunder.

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