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Das Phänomen «Quality Televison Series» (QTS) - Teil I

Immer öfter hören wir Bezeichnungen wie Quality Television oder Quality Television Series, aber welche Serie dürfen zu diesem Label zählen, gibt es Kriterien, nach welchen diese Zugehörigkeit ermittelt werden kann? Sind Quality Television Series ein neues Phänomen oder kann man über eine Entwicklung, die stufenweise vorangeschritten ist, sprechen?

Das erneut erweckte Interesse an US-Serien wächst beharrlich: Weltweit (mit einigen Ausnahmen wie Großbritannien) ist es inzwischen durchaus üblich, dass in den Top 5 der beliebtesten Serien mindestens drei US-Produkte platziert sind. Inzwischen sind nicht mehr nur die westeuropäischen Länder „infiziert“, sondern auch ganz Osteuropa.

Russland und Polen geben mehr Geld für US-Produkte aus als ganz Lateinamerika zusammen. Fast überall in Osteuropa kann man schon seit langer Zeit HBO und AXN abonnieren und empfangen. Sogar Japan, das im Prinzip US-Serien ablehnt, kommt auf den Geschmack, nachdem zum Beispiel die ersten beiden „Lost“-Staffeln auf DVD immense Einnahmen brachten. Zurzeit wird über die Lizenzierung mehreren Serien verhandelt.

Die Lizenzpreise für A-Serien wie „CSI: Crime Scene Investigation“, „Grey's Anatomy“, „Desperate Housewives“ oder „Lost“, die fast alle von den US-Networks stammen, explodieren: Übertragungsrechte an Top-US-Serien kosten einen Sender mittlerweile zwischen 1,5 und 2 Millionen Dollar pro Folge. Neben den A-Serien erfreuen sich auch eine Reihe von Kabelsender-Formaten großer Beliebtheit: USAs „Monk“, FX' „The Shield“ und Sci Fi's „Eureka“. Das Ausmaß dieser Beliebtheit ist neu: Früher gab es einige wenige US-Serien, die auf nicht-amerikanischen Sendern, vor allem in Europa, gut liefen. In den 90ern etwa eroberten „Emergency Room“, „The Simpsons“, „The X-Files“, „NYPD Blue“ und „Sex and the City“ die internationalen Programme. Heutzutage wird ein Sender ganz hinten in der Wertung der Zuschauer platziert, wenn er „nur“ drei neue US-Serien für die kommende Saison anzubieten hat.

Gegen Ende des Jahrtausends sank die Nachfrage, und speziell auf dem deutschen Markt interessierte sich man hauptsächlich (und tut das immer noch) für eigenproduzierte Reality-Formate. Bis dann vor neun Jahren das „CSI“-Franchise buchstäblich eine Lawine auslöste. Auf einmal richteten sich aller Augen auf Amerika - dessen fiktionale Serien wurden zur heißesten Ware für ausländische Käufer.

Warum das? Warum funktionierte „CSI: Crime Scene Investigation“, warum gerade zu diesem Zeitpunkt, warum noch immer? Weil die Menschen Gefallen an abgeschlossenen Handlungen finden? Weil sie Krimis mögen? Oder beides zusammen? Wie wäre dann aber das fast ebenso gute Abschneiden von Serien wie „Prison Break“ und „Heroes“ zu erklären? Jeff Schlesinger, der Präsident von Warner Bros., ist der Meinung, „European audiences are more open to experimenting with storytelling and dramatic exposition. And they are responsive when they see something produced by us that have production values greater than what can be made locally.


«Numb3rs»
© 2008 CBS

Wenn dies tatsächlich die Gründe für die wieder „erwachte“ Liebe der Europäer zu US-Serien wären - wie würden dann aber deren Inhalte den Europäern schmackhaft gemacht, deren Einstellung ja nicht durchweg pro-amerikanisch ist, vor allem in politischer Hinsicht? Es liegt eine spezielle Ironie darin, dass dieselben Länder, die Amerikas Politik und Wertvorstellungen so stark kritisieren, zugleich von US-Dramaserien nicht genug bekommen können.

Wenn deutsche Sender ihr Programm für das neue Jahr vorstellen, stellen Fans, Zuschauer und Journalisten hauptsächlich die eine Frage: Welche US-Serien wurden eingekauft und wann werden sie ausgestrahlt? Es klaffen Welten auseinander - auf der einen Seite die Vorbehalte gegen die amerikanische Politik, auf der anderen die Bewunderung für die amerikanische Pop-Kultur. Wir haben es mit einem Breitband-Phänomen zu tun, das sich auf extreme Art und Weise in der Werbekampagne des britischen Senders Channel Five äußert, der sein Programm im Jahre 2006 mit dem folgenden Claim präsentierte: „Nothing Good Ever Came Out of America -- Until Now.

Was macht die spezifische Qualität dieser Produkte aus? Gibt es übergreifende Merkmale, die auf so viele unterschiedliche Serien zutreffen? Sind Quality Television Series nur Primetime-Serien? Reicht es aus zu sagen, es handele sich um Serien, die erfolgreich weltweit exportiert werden und gekennzeichnet sind durch Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Genres und Genremixen, übergreifend bezeichnet als „drama series“? Sind die komplexen narrativen Strukturen und ein ausgeprägter audiovisueller Stil (Schnitt, Kameraarbeit, Special Effects usw.) sowie eine Vielzahl an Hauptfiguren mit ebenfalls komplexen Geschichten, häufig verkörpert von bekannten Schauspielern, Qualitätsmerkmale?

Fragen über Fragen, die „objektiv“ sehr schwer eindeutig zu beantworten sind. An dieser Stelle werde ich auf eine ausführliche Beschäftigung mit dem Thema verzichten, um nicht den Rahmen des Ganzen zu sprengen. Eine mögliche „Objektivierung“ des Begriffs Quality Television Series wäre auf der Grundlage der Arbeiten von David Bordwell und Jens Eder möglich. Die Autoren definieren das Verstehen von Geschichten (Filmen, Serien), das sich auf Seiten des Zuschauers vollzieht, über das Aufrufen kognitiver Schemata, die Wissen über Genrekonventionen, Erzählmuster, die Vergabe audiovisueller Informationen usw., aber auch allgemeines Weltwissen enthalten. Die filmische (analog auch: serielle) Narration gibt dem Zuschauer Hinweise an die Hand, die er unter Rückgriff auf eben diese Schemata zur „Geschichte im Kopf“ zusammensetzt - womit er zum Sinnverstehen gelangt. Nach Ed Tan ist die filmische Narration allgemein darauf angelegt, den Zuschauer mit einer lösbaren (kognitiven) Herausforderung zu konfrontieren.


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Durchschnittsmenschen mit Superkräften: „Heroes“
© NBC

Quality Television Series (QTV) könnte man meines Erachtens als Serien definieren, deren Herausforderungen ans Publikum nicht unbedingt von jedem Zuschauer bewältigt werden können. Diese Serien erfordern durchgehende Aufmerksamkeit des Zuschauers, er wird mit einbezogen, er muss mitwirken bei der Konstruktion von Bedeutung.

Das heißt, dass der Zuschauer in eine aktive Position versetzt wird, die ihm die Möglichkeit gibt, das Gesehene zu interpretieren und zu bewerten. In ihrer audiovisuellen und narrativen Verspieltheit sind diese Produkte geradezu auf diese Mitarbeit hin angelegt. QTV verlangt dem Rezipienten ein höheres Maß an kognitiver Aktivität ab, da es die etablierten Muster von Narration, audiovisuellem Stil usw. gezielt überschreitet, also nicht allein über die in den kognitiven Schemata abgelegten Wahrnehmungs- und Verarbeitungsroutinen verstanden werden kann.

Zuschauer, die bei der Bewältigung dieser Aufgabe erfolgreich sind, empfinden, so lässt sich zumindest annehmen, ein besonders hohen Maß an Befriedigung - und damit ein (gegenüber den übrigen Gratifikationen der Rezeption) zusätzliches Vergnügen. Zuschauer, die an der Aufgabe scheitern, empfinden dagegen ein Missvergnügen und wenden sich anderen, mental weniger anspruchsvollen Programmen zu.

Dies würde erklären, warum QTV-Serien oftmals nur bei einem Nischenpublikum erfolgreich sind - und sich andererseits viele konventionelle Serien (Soaps, Telenovelas usw.) nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen. Trotzdem bleibt die Definition von QTV über das Merkmal der Herausforderung eng mit der subjektiven Erfahrung des Einzelnen verbunden, was die Bestimmung, welche Serien zu QTV zählen sollen und welche nicht, enorm erschwert.

Allgemein kann man sagen, dass zu QTV Serien zählen, die als narrativ-audiovisuelles Konstrukt ein Zusammenspiel aus kognitiver Herausforderung für den Zuschauer und unserem subjektiven Genuss daran darstellen. QTV ereignet sich in einer höchst subjektiven Erfahrung, die in eine genauso subjektive Zuschreibung mündet.

Diese Tatsache erhebt das Zuschauen zu einer neuen Qualität - und erschwert maßgeblich die Kategorisierung der Produkte. Man erwartet von QTV-Serien nicht mehr allein Spektakel, sondern auch, als Zuschauer ernst genommen zu werden. Die fundamentalen Veränderungen des Fernsehens und der Wert der Produkte sind Ergebnisse eines nicht nur ökonomisch-technischen, sondern auch kulturellen Wandels hin zu einem verstärkten Individualismus trotz Massenmedien, im Zuge dessen jeder ermutigt wird, sein Recht zu beanspruchen - auf Befriedigung der spezifisch eigenen Bedürfnisse einerseits, auf Mitsprache andererseits.

Innerhalb der QTS gibt es eine Menge an Serien (vor allem Krimi-Procedurals wie das „CSI“-Franchise), die sowohl den Label Quality tragen als auch ein Millionenpublikum an sich binden. Das Ziel dieses dreiteiligen Artikels liegt darin aufzuzeigen, wie die ökonomisch-strukturellen und die genrespezifischen Entwicklungen auf dem TV-Markt zu diesem QTS-Labelling geführt haben und wie wiederum der Erfolg der Produkte die TV-Wirtschaft beeinflusste.

Teil 2 erscheint morgen um 10 Uhr.


 

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Autor: Vladislav Tinchev
Datum: Samstag, 4. Juli 2009 10:00 Uhr
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