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Heute startet um 22.05 Uhr die in Deutschland lang erwartete US-Anwaltsserie „Boston Legal“ von „Ally McBeal“-Erfinder David E. Kelley auf VOX. Der Sender plant, die erste und zweite Staffel der erfolgreichen Dramedy direkt hintereinander auszustrahlen. Serienjunkies-Redakteur Christian Junklewitz gibt seinen bisherigen Eindruck der Serie wieder.
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| (c) VOX |
„Boston Legal“ startete 2004 als Spin-Off der Anwaltsserie „The Practice“, die anders als in den USA bei uns nie so recht Fuß fassen konnte: ProSieben und kabel1 hatten die im Vergleich zu „Ally McBeal“ recht düstere und ernsthafte Dramaserie eine Zeitlang im Programm. Über die Hälfte der Episoden wurde jedoch nie in Deutschland gezeigt. Da „Boston Legal“ von den meisten Hauptfiguren her unmittelbar an die achte Staffel von „The Practice“ anknüpft, lohnt es sich jedoch, zunächst ein Blick darauf zu werfen, was den deutschen Zuschauern vorenthalten wurde
Alan Shore: Whenever I get a chance to break a law...
In der ersten Episode der achten Staffel von „The Practice“ heuert Alan Shore (James Spader) in der kleinen Kanzlei Young, Frutt & Berlutti an. Seinen eigenen Worten nach ist er einer der besten Anwälte für Kartellrecht im ganzen Land. Aus seiner letzten Anstellung wurde er wegen Unterschlagung entlassen - eine halbe Robin-Hood-Sache, wie er sagt: Er hat von den Reichen genommen und lediglich vergessen, es den Armen zu geben. Da er und Ellenor (Camryn Manheim) alte Freunde sind, bekommt er den Job, obwohl ihre Partner Eugene (Steve Harris) und Jimmy (Michael Badalucco) von Anfang an ihre Vorbehalte gegen Alan haben
Und tatsächlich scheint sich ihr Mißtrauen zu bestätigen: Gleich in einer der ersten Episoden landet Alan vor der Anwaltskammer, weil er die Schweigepflicht einem Klienten der Kanzlei gegenüber verletzt hat - der Mann hatte die Schuld an einem Mord auf seine kleine Tochter abgewälzt. Alan zögert keine Sekunde, um mit dieser Information zum Staatsanwalt zu gehen. Auf dessen Hinweis, dass dies das Ende seiner Karriere bedeuten könnte, reagiert Alan nur mit einem Achselzucken: Dann würde er eben in Zukunft Apfelbäume anpflanzen. Das hätte er sowieso schon immer vorgehabt
Alan ist eine Art Kamikaze-Anwalt, der vor keinem Risiko und keinem Rechtsbruch zurückschreckt, um das zu tun, was er für das Richtige hält. Wie sagt eine Richterin doch einmal so schön zu ihm: There is a rumour going around: under that slick surface there is a heart of gold. Bei aller Ungerührtheit, aller Coolness und allem Sarkasmus, den Alan Shore auch sonst an den Tag legen mag, gibt es doch immer wieder diese Momente, in denen ihn ein menschliches Schicksal, ein Leid, eine Ungerechtigkeit so sehr berührt, dass er, angefangen bei seinen schlicht imposanten rhetorischen Fertigkeiten bis hin zu seiner Karriere, einfach alles dafür einsetzt, um ein kleines Stück Gerechtigkeit herbeizuführen. Eine geradezu prototypische Szene dafür ist die erste Szene der Episode Victims' Rights: Ein junges Roma-Mädchen spricht Alan an und bittet ihn, ihr zu helfen. Er erwidert, dass sie kaum das Geld habe, ihn zu bezahlen. Als sie ihm jedoch erzählt, dass sie von ihren Eltern nach Rumänien gebracht und dort zwangsverheiratet werden soll, stellt sich Alan sofort dem Vater des Mädchens in den Weg, der sie mitnehmen will, und bittet vor Gericht unverzüglich um Asyl für das Mädchen. Als er am Ende gegen den Einspruch der Eltern verliert, ist ihm die Erschütterung in seinem Gesicht deutlich abzulesen.
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| James Spader ist Alan Shor
© VOX |
Das heisst nicht, dass Alan Shore ein Heiliger ist. Ganz im Gegenteil: Er ist ein von tiefen Widersprüchen durchzogener Mann. Einerseits lässt er kaum eine Gelegenheit aus, für den Underdog, die Benachteiligten und Schwachen der Gesellschaft einzustehen. Auf der anderen Seite hindert ihn das nicht daran, seinen Klienten bisweilen mit unverhohlener Arroganz - bis hin zum Sadismus zu begegnen. Er ist intelligent, gebildet, sieht gut aus und trägt chice Anzüge. Und lässt das seine Umgebung gerne wissen und spüren. Kaum eine Episode von „The Practice“ vergeht, ohne dass Alan nicht dem sonst so freundlichen Jimmy eine gemeine Bemerkung über dessen Körpergewicht oder vermeintlichen Mangel an Verstand entgegenschleudert, was schließlich zu regelrecht handgreiflichen Auseinandersetzungen im Büro führt
Mit den zunehmenden Spannungen in der Kanzlei über die Art, wie Alan sich aufführt und auf welche Weise er seine Fälle bearbeitet, was nicht selten mit Erpressung, (Daten-) Diebstahl und anderen Delikten einhergeht, beschließen Eugene und Jimmy - hinter Ellenors Rücken - Alan zu feuern. Dieser wendet sich an die Kanzlei Crane, Poole & Schmidt. Gemeinsam mit dem - gelinde gesagt - exzentrischen, ehemaligen Staranwalt Denny Crane (William Shatner) zieht Alan gegen seine ehemalige Kanzlei vor Gericht, um einen Anteil der neun Millionen Dollar zu erstreiten, die er als der erfolgreichste Anwalt des Unternehmens seinen ehemaligen Arbeitgebern eingebracht hat. Alan und Denny gewinnen. Das ist zum einen der Anfang vom Ende der Kanzlei Young, Frutt & Berlutti, aber zum anderen die direkte Überleitung zu „Boston Legal“
Gemeinsam mit Tara Wilson (Rhona Mitra), einer Mitarbeiterin von Young, Frutt & Berlutti, die in der Zeit der Auseinandersetzung zu Alan gehalten hat und mit der ihn ein Büroflirt verbindet, aus dem jedoch nie eine richtige Beziehung geworden ist, fängt er bei Crane, Poole & Schmidt an. Dort trifft er u.a. auf die junge (und nach den Maßstäben der konservativen Kanzleiführung: etwas zu leichtlebige) Anwältin Sally Heep (Lake Bell, mit der er eine Affäre beginnt. Was wohl der einzige Grund dafür ist, warum VOX die Werbeplakate, auf denen Lake Bell zu sehen ist, mit dem schlicht unterirdischen Slogan Guten Tag, ich bin Ihr Rechtsbeischlaf versehen hat
Alan: It's always about the girl
Tara: Even if it's only in your mind
Alan: The one place I will never be disappointed!
Der Pilot
Das Eigentümliche am Piloten von „Boston Legal“ ist, dass er gar nicht wie ein Pilot daherkommt. Da mit Alan Shore und Denny Crane bereits die beiden mit Abstand wichtigsten Hauptfiguren der Serie als bekannt vorausgesetzt werden, hat man so ein bißchen das Gefühl, irgendwo in der Mitte von etwas hineingeraten zu sein. Was einen jedoch nicht abhalten sollte, trotzdem den Einstieg zu finden
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| Mark Valley zusammen mit Lake Bel
© VOX |
Neben zwei eher unspektakulären Gerichtsfällen (einer Sorgerechts-Geschichte und einer rassistischen Ungleichbehandlung bei der Besetzung einer Musical-Rolle) geht es im Piloten vor allem um Denny und dessen Affäre mit der Frau des wichtigsten Klienten der Kanzlei (Philip Baker Hall), von der er selbstverständlich nichts erfahren darf. Dabei führt die Episode in gleich mehreren Szenen eines der Grundthemen von „Boston Legal“ ein: Die Angst vor dem Älterwerden und die Art und Weise, wie wir damit umgehen
Denny Crane: We have to get to the woods and touch ourselves...get in touch with ourselves!
Denny war einst die Korifee unter den Zivilrechtsanwälten in Boston. Inzwischen ist er jedoch älter und wunderlicher geworden und wird jeden Tag aufs Neue damit konfrontiert, dass er nur noch selten inner- wie außerhalb des Gerichtssaals zur alten Höchstform aufläuft. Er trägt das Image der Legende Denny Crane vor sich her (und erinnert auch jeden daran, indem er bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit seinen Namen als sein Markenzeichen in die Runde wirft: Denny Crane!), tatsächlich aber nicht mehr derjenige ist, der er einst war und dessen Erfolge nur noch Erinnerung sind. Niemand bringt das besser zum Ausdruck als Paul Lewiston in der zweiten Folge, als er zu Denny sagt: Yes, you are a good lawyer, my friend, but you're just not Denny Crane
Verschärfend kommt hinzu, dass Denny in späteren Episoden damit konfrontiert wird, dass er möglicherweise an Alzheimer leidet. Was ihn jedoch nicht davon abhält, sein Leben voll auszukosten
Geradezu revolutionär mutet es an, wie Kelley radikal gegen den TV-Jugendwahn anschreibt und eine Serie über reife, erwachsene Menschen schafft, die sich - wie die US-Quoten beweisen - auch in der jungen Zielgruppe großer Beliebtheit erfreut. Kelley erweist sich hier erneut als Meister im Aufspüren jener richtungsweisenden Trends und Fragestellungen einer Zeit. Hatte sich „Ally McBeal“ in den 90er Jahren mit den Befindlichkeiten des weiblichen Großstadtsingles beschäftigt, wechselt Kelley jetzt die Perspektive und wirft einen Blick auf Allys männlichen Konterpart. Um Mißverständnisse zu vermeiden: Selbstverständlich ist Alan Shore nicht einfach die männliche Version von Ally. Und doch teilen beide Figuren miteinander, dass sie jeweils ein Indikator für das Bewußtsein ihrer Geschlechter sind: Stand Ally noch für die illusionsbehaftete Suche nach Mr. Right, ist Alan Shore ein Paradeexemplar des smarten, gepflegten Großstadtmannes im Post-Muskelkraft-Zeitalter (in dem Alan bezahlte Hilfskräfte für eine Barschlägerei engagieren muss!), der neben Beruf und Karriere keine Zeit für Beziehungen hat - und zu solchen auch gar nicht fähig ist: I demand only one thing in a relationship that I remain utterly alone!
Alle Beziehungen zu Frauen, in denen wir Alan sehen, sind auf die ein oder andere Art nichts weiter als ein (erotisches) Spiel für ihn. Mit echter Nähe oder Intimität hat er - nach eigener Aussage - große Schwierigkeiten. Der Preis dafür sind Alpträume, Somnambulismus und aphasische Sprachstörungen, die ihn ihm Laufe der ersten beiden Staffeln ereilen werden, und die in einem deutlichen Kontrast zu den vergleichsweise harmlosen Halluzinationen von Ally stehen. Wer jetzt vielleicht an die Theorie von Eva Herman denkt, dass das alles doch nur die Schuld des Feminismus sei, muss insofern enttäuscht werden, als da Alan sich eindeutig zu (beruflich) erfolgreichen Frauen wie der später zum Cast dazustoßenden Kanzleipartnerin Shirley Schmidt (dargestellt von der Feministin Candice Bergen) hingezogen fühlt. Das einzige Mal, dass er (noch in „The Practice“) mit einem schüchternen Hausmütterchen zusammen war, hat dies nicht lange gehalten
Als einzigen Ausweg aus dieser Krise der orientierungslosen Männlichkeit empfiehlt Kelley das Mittel der Freundschaft: Der einzige Rückhalt, den sowohl Alan wie auch Denny haben, ist letztlich ihre Freundschaft miteinander. Das abendliche Treffen auf dem Balkon mit Whisky und Zigarre, das von der Serie als festes Ritual inszeniert wird. Die Ausflüge nach Kanada und Los Angeles. Das gemeinsame Kostümieren für Halloween. Es gibt kaum zwei Figuren, die so gegensätzlich angelegt sind wie Alan und Denny. Der eine ein Liberaler. Der andere ein konservativer Waffennarr. Der eine der Kämpfer für den Underdog. Der andere der Freund der großen Firmen und Unternehmer. Und doch brauchen sie einander und schöpfen beide Kraft aus der zwanglosen, nicht mit falschen Erwartungen oder Befürchtungen aufgeladenen Nähe, die zwischen ihnen besteht
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| Szene aus der Pilotfolg
© VOX |
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| Der Cast von Boston Lega
© VOX |
Wie die meisten Kelley-Serien ist „Boston Legal“ eine ausgesprochene Schauspieler-Serie, in denen die Darsteller - angefangen bei den einfach kongenial besetzten James Spader und William Shatner bis hin zu den Gaststars wie Christian Clemenson („Veroncia Mars“) oder Michael J. Fox - natürlich allein schon durch die vielen Dialogszenen reichlich Gelegenheit erhalten zu glänzen
„Star Trek“-Fans können sich zudem neben den Auftritten von Shatner und Auberjonois (Odo aus DS9) auch über Gastauftritte von u.a. Randy Oglesby (Degra in „Star Trek Enterprise“), Jeri Ryan (7 of 9 in Voyager) und - wie zuletzt in der Auftaktfolge der dritten Staffel - Armin Shimerman (Quark aus DS9) freuen. Auch darüber hinaus ist „Boston Legal“ reich mit Anspielungen auf die SF-Serie gespickt, wenn z.B. Denny Crane sein Handy aufklappt und es dabei das gleiche Geräusch macht wie der Kommunikator von Captain Kirk
Fazit
„Boston Legal“ ist eine wunderbar geschriebene, teils witzig-überdrehte, teils melancholisch-nachdenkliche Serie über das Ideal einer Männerfreundschaft, die zugleich eine Vielzahl von aktuellen gesellschaftlichen Konflikten und Problemen aufgreift und schauspielerische Glanzleistungen im Dutzend aneinanderreiht. Mag der Einstieg auch zunächst etwas schwerfallen, sollte man der Serie auf jeden Fall eine Chance geben und sich auch nicht durch die etwas sperrige deutsche Synchronisation abschrecken lassen.
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