Kolumne: Eine gute Figur machen

Identifikationsfiguren?
© 2010 AMC
Soll man sie hassen oder lieben? Die Figuren aktueller US-Drama-Serien entziehen sich häufig der klaren Einteilung in "good guys" und "bad guys", die Kino- und Fernsehproduktionen jahrzehntelang geprägt hat. Und diese moralische Uneindeutigkeit ist nur ein Faktor, der heutige Serienfiguren so interessant macht. Ein herausragendes Beispiel innovativer Figurenkonzeption stellt der AMC-Hit „Breaking Bad“ dar, dessen 3. Staffel heute startet. Ein Gastbeitrag von Natalie Pieper und Felix Schröter.
Gut drei Jahre ist es her, dass Serienjunkies-Redakteur Christian Junklewitz einen Blick auf Rezeption und Gestaltung aktueller Serienfiguren geworfen hat (Serienjunkies vom 12. November 2006). Seitdem haben zahllose neue Produktionen im Drama-Bereich das Licht der Welt erblickt - darunter Serien wie „Dexter“ oder „Breaking Bad“, die von Fans wie Kritikern gleichermaßen gefeiert wurden und deren Figurenensembles in vielerlei Hinsicht bemerkenswert sind. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über aktuelle Tendenzen in der Darstellung von Serienfiguren: über die Bedeutung dynamischer Ensembles, vielschichtiger Charaktere, moralischer Grauzonen und starker Figurenentwicklung - illustriert am Beispiel unseren Lieblings-Meth-Kochs Walter White (Bryan Cranston).
Figurenensembles
Spätestens seit „Lost“ 2004 mit seinem bunten Hauptcast von 14 Darstellern die Bühne betreten hat (zu diesem Zeitpunkt eines der größten Ensembles überhaupt), sind große Figurenensembles en vogue. Serien wie „Lost“ oder „Heroes“ nutzen sie geschickt, um mehrere Handlungsstränge parallel zu erzählen und an besonders entscheidenden Stellen das Schicksal verschiedener Figuren miteinander zu verknüpfen. Doch auch Serien wie „Dexter“ oder „Breaking Bad“, die ein kleineres Figurenensemble aufweisen, gewinnen ihre dramatische Kraft häufig aus der Dynamik des Ensembles, aus den Beziehungen der Figuren zueinander und ihren Konflikten.
So ist der Hauptcast von „Breaking Bad“ von der ersten Episode „an ein accident waiting to happen“: Walter, der überangepasste Familienmensch; seine Frau Skyler (Anna Gunn), die sich in ihrer Schwangerschaft nicht unterstützt fühlt; Walter Jr. (R.J. Mitte), der in seinem Vater vergeblich eine Bezugsperson sucht; dazu Hank (Dean Norris) und Marie (Betsy Brant), deren Freundschaft zu Walters Familie an der Oberfläche intakt, im Grunde aber durch zu unterschiedliche Lebensstile äußerst brüchig ist.
Die Stärke von „Breaking Bad“ (wie auch vieler anderer aktueller Serien) macht genau diese innere Dynamik des Ensembles aus: Ein Großteil der Handlung wird dabei bereits von den Figuren selbst getragen. Wenn dann noch Ereignisse "von außen" dazu kommen - Walters Krebsdiagnose oder die Bekanntschaft mit Jesse (Aaron Paul) - nimmt die Geschichte Fahrt auf...
Allerdings besteht die Dynamik eines erfolgreichen Figurenensembles nicht nur in dessen innerem Konfliktpotenzial, sondern auch zunehmend in der Veränderung des Casts: Dies muss nicht immer so dramatisch ausfallen, wie im Finale der vierten „Dexter“-Staffel (mit dem Tod eines oder mehrerer Protagonisten), sondern kann auch in der "Beförderung" von Nebenfiguren zu Handlungsträgern oder in der zeitweiligen Integration von Gaststars ins Ensemble bestehen - bei „Breaking Bad“ etwa die gleichermaßen charismatischen wie kurzlebigen Nebenfiguren Tuco (Raymond Cruz) und Jane (Krysten Ritter). Wie die Dynamik des Ensembles mit der Entwicklung der Figuren zusammenhängt, lest ihr auf den nächsten Seiten.
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Vladislav Tinchev am Sonntag, 21.März 2010 12.00 Uhr
3 Leserkommentare
| meisterk0mmentat0r vor 2 Jahren: | |
Eine Würdigung der Serie "Breaking Bad" wie ich sie noch nirgendwo las. Dankeschön! | |
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| Seestern337 vor 2 Jahren: | Platz 93 in der Community Top-100 |
Toller Artikel. Ich denke du hast die Vielschichtigkeit von BB ziemlich gut herausgearbeitet. Jetzt bin ich auch völlig eingestimmt auf die neue Staffel ^^ | |
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| wibi44 vor 2 Jahren: | Platz 6 in der Community Top-100 |
Guter Artikel, allerdings fand ich bereits Serien wie "Six feet under" und besonders "The Shield" haben diese Art der Hauptcastfiguren gehabt. Nicht unbedingt eindeutig zu gut und böse zuzuordnen, mit sehr komplexen Beziehungsgeflechten untereinander. Von der Masse der Zuschauer eher abgelehnt, von echten Kennern allerdings geliebt. | |
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