Kolumne: Der Showrunner, das (uns) unbekannte Wesen

Unverwechselbare Identität als Erfolgsrezept: Hugh Laurie als „Dr. House“
(c) Fox
Dies soll wahrlich keine „Früher war alles besser“-Rede werden, und doch muss man sagen, dass die SOKO mit ihrem Mut, auch mal ungewöhnliche Wege zu gehen (Welche - deutsche - Serie würde sich heute trauen, eine langjährige Hauptfigur wie Kommissar Herle, gespielt von einem der populärsten Schauspieler Deutschlands, Diether Krebs, als Kriminellen aussteigen zu lassen?), eine eigene Note hatte, der jener in Billigkulissen gedrehte Abklatsch, der sich heute als „SOKO 5113“ ausgibt, nicht annähernd das Wasser reichen kann. Dadurch, dass eben jener Showrunner fehlt, der wie ein Dick Wolf bei „Law & Order“ oder ein Anthony Zuiker bei „CSI: Crime Scene Investigation“ das ganze Franchise überwachen und stilistisch wie narrativ zusammenhalten kann, ist SOKO heute eben nur noch ein Name, aber keine Marke, wie sich das ZDF das vielleicht erhofft, weil eben jene eigene Identität, die zu einer solchen Marke gehört, den SOKOs heute vollkommen abgeht.
Was die Ursachen dieser Entwicklung angeht, spielen sicher mehrere Faktoren eine Rolle: Ein entscheidender Punkt dürfte allerdings - gerade wenn man sich die Ausbreitung von Ultra-Billigproduktionen wie „In aller Freundschaft“, „St. Angela“, „Lenßen und Partner“ usw. im Abend- und Vorabendprogramm anschaut - der Kostendruck unter den Bedingungen des Wettbewerbs auf einem hochgradig diversifizierten TV-Markt sein. Das allein reicht als Erklärung jedoch sicherlich nicht aus, weil der Wettbewerb ja auch genauso gut zu einem Wettbewerb um Qualität hätte werden können, wie dies in den USA zu beobachten ist (wo auch die Basic-Cable-Anbieter mit ihren wesentlich preisgünstiger hergestellten Serien die Networks allein durch deren inhaltliche Vorzüge unter Druck setzen).
Insofern wage ich es, hier einmal den Verdacht zu äußern, dass es sich auch ein Stück weit um eine Mentalitätsfrage handelt: Im deutschen TV-Geschäft hat sich eine Mut- und Verantwortungslosigkeit breitgemacht, in der niemand das Risiko eingehen will, sich auf etwas festzulegen. Einen Showrunner zu verpflichten, bedeutet, ihm die Verantwortung für die künstlerische Leitung anzuvertrauen. Dann kommt das, was er produziert, beim Publikum entweder an oder nicht. Ist letzteres der Fall, sieht sich der Produzent oder Redakteur natürlich unangenehmen Fragen ausgesetzt: Warum haben Sie diesem Autor den Job gegeben? Legt sich der Produzent hingegen nicht auf einen Showrunner fest, sondern holt sich ein Potpourri von verschiedenen Drehbüchern voneinander unabhängig arbeitender (meist junger) Autoren ein, kann er damit natürlich genau so scheitern. Aber er kann immerhin sagen: Wenigstens hab ich es billig produziert!
ProSieben und Sat.1 haben wohl mittlerweile erkannt, dass ihnen diese erratische Produktionsweise von TV-Serien auf die Dauer nicht weiterhilft (sondern - im Gegenteil - Imageschäden verursacht, die auf das gesamte Programm zurückfallen), so dass sie, wie DIE WELT diese Woche berichtet hat, beide keine Serien mehr akzeptieren, die kein (festes) Autoren-Team und vor allem keinen Headwriter haben. Das ist immerhin ein Beginn. Ebenso wie die Anstrengungen von Hermann Joha, Autoren für diese neue deutsche TV-Serien-Zukunft auszubilden.
Die Frage wird allerdings sein, ob Hermann Joha sowie die anderen Produzenten und Redakteure des deutschen Fernsehens diesen neuen Showrunnern dann auch die Mittel an die Hand geben werden, aber vor allem, ob sie ihnen das Vertrauen schenken werden, ihre Ideen und Geschichten auch tatsächlich umzusetzen. Ich bin mir wohl bewusst, dass das gerade in Deutschland, wo der Autorenfilm im Kino besonders zuschauerfeindliche Blüten getrieben hat, viel verlangt ist. Und doch führt kein Weg daran vorbei, dass irgendjemand für die deutsche Serie wieder künstlerische Verantwortung übernehmen muss.
Das vollständige Interview mit Lee Goldberg und Matt Witten gibt es ab morgen hier!
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Christian Junklewitz am Sonntag, 4.Februar 2007 09.40 Uhr
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