Kolumne: Der Showrunner, das (uns) unbekannte Wesen

Unverwechselbare Identität als Erfolgsrezept: Hugh Laurie als „Dr. House“
(c) Fox
Tatsächlich hat sich in Deutschland nie so etwas wie das Showrunner-System der Vereinigten Staaten entwickelt. Es gibt zwar heute vereinzelt Serien, die einen so genannten Headwriter haben (einige der erfolgreicheren deutschen TV-Produktionen der vergangenen Jahre gehören dazu, wie z.B. „Berlin, Berlin“ von David Safier oder „Edel & Starck“ von Marc Terjung, aus dessen Feder auch die neue Serie „Allein unter Bauern“ mit Christoph M. Ohrt stammt), allerdings hat dieser Headwriter bei Weitem nicht die kreative Kontrolle und die Befugnisse, die einem Executive Producer in den USA zukommen. Die einzige Ausnahme stellt hierzulande wohl „Lindenstraße“-Erfinder und Produzent Hans W. Geißendörfer dar, der sowohl die Aufsicht über die Drehbücher als auch über den gesamten Herstellungsprozeß innehat - und damit genau der Forderung von Lee Goldberg an die kreative Kontrolle des Showrunners entspricht: „Der Regisseur der einzelnen Folge arbeitet für den Showrunner, den Autor. Ein Regisseur kann nicht das Aussehen, kann nicht den Stil der Serie verändern, und er kann das Drehbuch nicht einmal anrühren!“
Die Gründe, warum sich in Deutschland nie ein Showrunner-System etabliert hat, wären sicherlich eine eigene Untersuchung wert. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass z.B. durch die öffentlich-rechtliche Prägung des deutschen Fernsehens sowie den Einfluß benachbarter Medien andere Berufsgruppen wie Redakteure, Produzenten und Regisseure eine so prominente Stellung eingenommen haben, dass sich daneben der Autor nicht als die - im wahrsten Sinne des Wortes - entscheidende kreative Kraft durchsetzen konnte.
Bemerkenswert ist allerdings, dass verglichen mit heute die deutschen TV-Autoren sehr wohl schon einmal eine wesentlich bessere Position im Gesamtgefüge der Serienproduktion hatten: Zwar hat es in Deutschland nie den klassischen Showrunner gegeben. Serienautoren wie Jürgen Roland („Stahlnetz“, „Großstadtrevier“), Wolfgang Menge („Ein Herz und eine Seele“), Robert Stromberger („Die Unverbesserlichen“, „Diese Drombuschs“) oder Herbert Lichtenfeld („Die Schwarzwaldklinik“, „Der Landarzt“) hatten jedoch allein dadurch, dass sie die alleinigen Autoren ihrer Serien waren, ein erhebliches Mehr an kreativer Kontrolle - und konnten damit auch in beträchtlichem Maße dazu beitragen, dass ihre Serien eben jene unverwechselbare Identität „aus einem Guß“ hatten, die vielen heutigen deutschen Produktionen - bei allen sporadischen Bemühungen um eine ansprechende Ästhetik - eben fehlt. Einer der wenigen Autoren, die heute noch so arbeiten, ist Michael Baier, dessen Serie „Um Himmels Willen“, so sie auch sicher nicht primär die vom Privatfernsehen umworbene Zielgruppe der 14-49jährigen anvisiert, doch mit ihrem eigentümlich herzlichen Humor zu Recht nach wie vor die erfolgreichste (deutsche) Serie beim Gesamtpublikum ist.
Den Wechsel, den die Stellung des Drehbuchautors erfahren hat, kann man wohl nirgends besser nachvollziehen als bei der ZDF-Krimiserie „SOKO 5113“: Einst ein Prachtstück des exzellent geschriebenen und produzierten Serienfernsehens (nach dem Roman „Der Durchläufer“ des früheren Kriminalbeamten Dieter Schenk) hat nicht nur eine Inflation von wahllos zusammengestellten Spin-Offs den Markennamen SOKO beschädigt, viel gravierender wirkte sich der Umstand aus, dass ab etwa 1997 vorwiegend freie Autoren an „5113“ wie auch den späteren Nachfolgeserien schrieben. Hatte in den 70er und 80er Jahren ein sehr überschaubarer Kreis von fünf bis sechs Autoren an der Serie gearbeitet (mit Autor und Regisseur Ulrich Stark als langjährigem de-facto-Showrunner), was der Serie eben jene von Lee Goldberg eingeforderte Konsistenz und darüber hinaus die Möglichkeit zu (wenn auch kleinen) Handlungsbögen gegeben hat, führte der Einsatz der Freelancer eben dazu, dass die Serie (welche ohnehin schon den Verlust ihres kantigen Hauptdarstellers Werner Kreindl alias Kommissar Göttmann zu verkraften hatte) noch mehr an Identität eingebüßt hat.
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Christian Junklewitz am Sonntag, 4.Februar 2007 09.40 Uhr
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