Kann das amerikanische Fernsehen einen zweiten Streik verkraften

Streiksicher: „Rules Of Engagement“ hat für diese Season alle Episoden abgedreht
(c) 2007 CBS
Die Schauspieler der Screen Actors Guild stimmen ab Anfang Januar über einen möglichen Streik ab - kann das amerikanische Fernsehn nach dem Streik der Autoren der WGA einen zweiten Streik binnen kurzer Zeit vertragen?
Um einer Antwort auf diese Frage nahe zu kommen, muss man sich zunächst vor Augen halten, was ein Streik der Schauspieler der Screen Actors Guild beinhalten würde. Denn anders als beim Streik der Writers Guild of America wäre nicht das ganze amerikanische Fernsehen betroffen. Daily Soaps, Variety-Sendungen (darunter fallen die Late Night Talk Shows), die meisten Serien des Kabelfernsehens und einige Network-Serien stehen unter der Schirmherrschaft der anderen, kleineren Schauspielergewerkschaft, AFTRA - was ja auch schon seit Längerem zu Begehrlichkeiten führt, beide Schauspielergruppen in einer Gewerkschaft zu vereinen.
Durch den Zeitpunkt der Urabstimmung bei der SAG ist die Television Critics Association Winter Press Tour (ab 8. Januar) und die Golden Globes (am 11. Januar) nicht in Gefahr - beide für die Industrie wichtigen Veranstaltungen finden statt, bevor ein Ergebnis der postalisch durchgeführten Befragung fest steht. Erst die Academy Awards - Oscars - wären von einem Streik betroffen.
Die meisten Networkserien haben zwischen 60 und 75% ihrer Staffeln abgedreht, und auch wurde die momentan über die Feiertage anstehende Produktionsunterbrechung von zwei Wochen wie gewöhnlich durchgeführt. In diesem Jahr ist man sogar mit der Produktion vieler Serien weiter fortgeschritten, weil man nach dem Autorenstreik Anfang des Jahres und der damit verbundenen Zwangspause die übliche Sommer-Produktionsunterbrechung verkürzt hatte - eingedenk der sich abzeichnenden Probleme beim neuen SAG-Tarifvertrag und weil gerade die unteren Einkommensschichten, Zulieferer und hinter der Kamera beschäftigten der Fernsehindustrie in dem Jahr durch den Streik schon Einnahmeausfälle hatten.
Einige Midseason-Serien haben ihre Episoden bereits abgedreht, wie „24“ und die Comedys „Rules Of Engagement“ und „According To Jim“. Seit Fernsehserien digital hergestellt werden, können sie sowohl unter die Schirmherrschaft der SAG als auch der AFTRA gestellt werden. So stehen momentan 8 Primetime-Serien unter AFTRA-Aufsicht, darunter fünf Neulinge: Die bereits laufenden „90210“ und „Gary Unmarried“ sowie die zur Mid-Season startenden „Better of Ted“, „The Unusuals“ und „Harper's Island“.
Auch die Daily-Soaps und die meisten Kabelserien werden von der AFTRA betreut. Zudem hatten die Kabelserien aufgrund ihrer geringeren Episodenzahl zuletzt ein entspanteres Produktions-Schedule, konnten Versäumnisse durch den Autorensreik einfacher aufholen. Ebenso wären die Late-Night Talk Shows nur indirekt von einem möglichen Streik betroffen, indem keine Schauspieler als Gäste zur Verfügung stehen würden.
In Streikzeiten kommt es immer wieder zu Loyalitätsproblemen. Waren es im Autorenstreik diejenigen, die neben ihrer Schreibertätigkeit auch noch als Showrunner für die Produktion zuständig waren, so wären es in einem SAG-Streik diejenigen Schauspieler, die momentan in von der AFTRA beaufsichtigten Produktionen beschäftigt sind und in beiden Gewerkschaften Mitgleid sind. Von ihnen würde als AFTRA-Mitglieder erwartet werden, zur Arbeit zu erscheinen, während die SAG versuchen würde, auf sie Druck auszuüben, um ihre Produktionen zu bestreiken.
Aber wie immer bleibt zu bemerken, dass zum einen zunächst die gewerkschaftlich organisierten Schauspieler der SAG - 120.000 Mitglieder - bei ihrer Abstimmung mit 75% der abgegebenen Stimmen einen Streik authorisieren müssten und das die Gewerkschaftsführung betont, dass sie solch eine Authorisation zunächst als Druckmittel nutzen wollen würde, um die festgefahrenen Verhandlungen um einen neuen Tarifvertrag mit den Film- und Fernseh-Produzenten neu zu beleben: „Wir brauchen Munition, um einen Deal zu erhalten. Unsere Hoffnung ist, das das (eine Streikauthorisation) die AMPTP wieder an den Verhandlungstisch zurück bringt“, so SAG-Präsident Alan Rosenberg.
Bernd Michael Krannich am Donnerstag, 25.Dezember 2008 14.00 Uhr
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