Dexter: Bowl Till You Bleed

„The problem with eating and driving, which I love to do, is not being able to employ the 10-2 hand position on the wheel. It's a matter of public safety. But there's always a sacrifice.“ Der Hamburger Medienwissenschaftler Vladislav Tinchev mit dem dritten und letzten Teil seiner Reihe über seine derzeitige Lieblingsserie.
Neben all den philosophischen „Grausamkeiten“ ist „Dexter“ Unterhaltung auf wirklich hohem Niveau. Grandios fotografiert vom Kameramann Romeo Tirone entfaltet sich die Glitzermetropole Miami, die wir als solche aus „CSI: Miami“ kennen, als ein lebender Ameisenhaufen, eine Nachtstadt, gefangen in kubanischen Rhythmen und voller Überraschungen. Kein Glamour im herkömmlichen Sinne, sondern eher ein urbaner. Und Sümpfe voller Alligatoren, die nicht nur ein aus Entfernung fotografierter Teil eines durchgestylten Bildes sind, sondern auch zuzuschnappen versuchen. Statt helicopter shots gibt es Close Ups!
Wie nah beieinander liegen Grausamkeit, Geborgenheit, Emotionslosigkeit und Humor auf der Skala der Menschlichkeit?
In dieser Serie überlappen sie sich in kalten und warmen Bildern - tagsüber wirkt Miami kalt und distanziert (sogar die Strände sind melancholisch leer), nachts in slow motion verändert sich die Umwelt in ein warmes, von Leben pulsierendes Bild. Beide Bilder werden immer wieder durch Screwballcomedy-Einlagen durchbrochen, vor allem dank Dexters gradliniger Zerrissenheit und der Reaktionen der Nebenfiguren auf ihn.
(„Donut?“)
Die Menschen, auf die Dexter trifft, drängen sich buchstäblich ins Bild, sie stoßen fast mit der Kamera zusammen, wie Trickfilmfiguren, die uns anstarren oder aus dem Nichts kommen und vor uns und Dexter auftauchen. Musik und Kameraführung verleihen dem Ganzen manchmal Variétécharakter, unterstützt an vielen Stellen von Klavierkompositionen, die wir aus der Zeit der Stummfilme kennen. Die Melodien gleichen oft einem Balancieren auf dem Seil, sie können sich ins dunkle Dröhnen des Unausweichlichen stürzen oder einen ironisch lebensfrohen Rhythmus aufnehmen. Das rundet das gesamte, moralisch gebrochene Konzept der Serie ab.
(„Donut?“)
Die Unterhaltungen, die Dexter mit seinen Opfern führt, bevor er sie tötet, sind immer von einem sozialpolitischen Augenzwinkern begleitet. Als er in einer Lebens- bzw. Tötungskrise steckt und vor der Ermordung des blinden Voodooverkäufers zögert, beteuert er eine äußerst differenzierte „political correctness“: „A blind man. Not very sporting, I know. But I'm not one to discriminate based on race, gender or disability.“
Die Ironie in Dexters Aussagen steckt nicht nur in ihrem Inhalt, sondern auch in der Art, in der er mit uns, mit dem Publikum redet, so als würde er auf unsere potentiellen Reaktionen und Kommentare reagieren. Ebenso wie Doakes ihn fragt, was er gerade gesagt hätte - nachdem nur Dexters innere Stimme geredet hat: Doakes reagiert auf etwas, was gar nicht zu seiner Realität gehören kann, aber trotzdem dazu gehört. Und nur wir und Dexter wissen davon. Das Publikum wird zu Dexters Komplizen gemacht. Wir werden zur Mittäterschaft herangezogen.
(„Donut?“)
Bevor Dexter in der Folge „Love American Style“ die Menschenhändlerfamilie tötet, stellt er dem Pärchen Fragen über ihre gemeinsamen Träume, über ihre gemeinsame Einstellung zum Leben und zum Leben Anderer. Amüsiert und zugleich erschüttert über die Antworten bedankt er sich; und mit den Worten „God bless America“ schreitet Dexter zur Tat.
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Vladislav Tinchev am Donnerstag, 31.Januar 2008 14.00 Uhr
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