'Boston Legal': Review zur Serie

Ab heute immer Mittowchs bei VOX: „Boston Legal“
(c) VOX
Der Pilot
Das Eigentümliche am Piloten von „Boston Legal“ ist, dass er gar nicht wie ein Pilot daherkommt. Da mit Alan Shore und Denny Crane bereits die beiden mit Abstand wichtigsten Hauptfiguren der Serie als bekannt vorausgesetzt werden, hat man so ein bißchen das Gefühl, irgendwo in der Mitte von etwas hineingeraten zu sein. Was einen jedoch nicht abhalten sollte, trotzdem den Einstieg zu finden.
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| Mark Valley zusammen mit Lake Bell © VOX |
Neben zwei eher unspektakulären Gerichtsfällen (einer Sorgerechts-Geschichte und einer rassistischen Ungleichbehandlung bei der Besetzung einer Musical-Rolle) geht es im Piloten vor allem um Denny und dessen Affäre mit der Frau des wichtigsten Klienten der Kanzlei (Philip Baker Hall), von der er selbstverständlich nichts erfahren darf. Dabei führt die Episode in gleich mehreren Szenen eines der Grundthemen von „Boston Legal“ ein: Die Angst vor dem Älterwerden und die Art und Weise, wie wir damit umgehen.
Denny Crane: We have to get to the woods and touch ourselves...get in touch with ourselves!
Denny war einst die Korifee unter den Zivilrechtsanwälten in Boston. Inzwischen ist er jedoch älter und wunderlicher geworden und wird jeden Tag aufs Neue damit konfrontiert, dass er nur noch selten inner- wie außerhalb des Gerichtssaals zur alten Höchstform aufläuft. Er trägt das Image der Legende Denny Crane vor sich her (und erinnert auch jeden daran, indem er bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit seinen Namen als sein Markenzeichen in die Runde wirft: Denny Crane!), tatsächlich aber nicht mehr derjenige ist, der er einst war und dessen Erfolge nur noch Erinnerung sind. Niemand bringt das besser zum Ausdruck als Paul Lewiston in der zweiten Folge, als er zu Denny sagt: Yes, you are a good lawyer, my friend, but you're just not Denny Crane.
Verschärfend kommt hinzu, dass Denny in späteren Episoden damit konfrontiert wird, dass er möglicherweise an Alzheimer leidet. Was ihn jedoch nicht davon abhält, sein Leben voll auszukosten.
Geradezu revolutionär mutet es an, wie Kelley radikal gegen den TV-Jugendwahn anschreibt und eine Serie über reife, erwachsene Menschen schafft, die sich - wie die US-Quoten beweisen - auch in der jungen Zielgruppe großer Beliebtheit erfreut. Kelley erweist sich hier erneut als Meister im Aufspüren jener richtungsweisenden Trends und Fragestellungen einer Zeit. Hatte sich „Ally McBeal“ in den 90er Jahren mit den Befindlichkeiten des weiblichen Großstadtsingles beschäftigt, wechselt Kelley jetzt die Perspektive und wirft einen Blick auf Allys männlichen Konterpart. Um Mißverständnisse zu vermeiden: Selbstverständlich ist Alan Shore nicht einfach die männliche Version von Ally. Und doch teilen beide Figuren miteinander, dass sie jeweils ein Indikator für das Bewußtsein ihrer Geschlechter sind: Stand Ally noch für die illusionsbehaftete Suche nach Mr. Right, ist Alan Shore ein Paradeexemplar des smarten, gepflegten Großstadtmannes im Post-Muskelkraft-Zeitalter (in dem Alan bezahlte Hilfskräfte für eine Barschlägerei engagieren muss!), der neben Beruf und Karriere keine Zeit für Beziehungen hat - und zu solchen auch gar nicht fähig ist: I demand only one thing in a relationship that I remain utterly alone!
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